Die Idee, die Bilder von Überwachungskameras per Fernsehkanal in die Wohnzimmer des Viertels zu tragen (die »Demokratisierung der Überwachung«, wie es ein Mensch der zuständigen Firma eben in einem Bericht auf Arte anpries) ist ebenso widerwärtig, wie es für die eigentlichen Überwacher praktisch ist. So wird eine weitere Front vor der Front aufgezogen, die allgegenwärtige Überwachung an sich wird noch weniger in Frage gestellt als bisher; wenn überhaupt, sind jetzt noch übereifrige Hobby-Blockwarte das Problem. Und der gleiche Mann, der im Bericht diesen CCTV-Sender zu sich nach Hause holte und sich beschwerte, man könne ja gar nicht reinzoomen und überhaupt gäbe es nur zwei von hunderten existierender Kameras im Programm — er selbst war übrigens immerhin mal Opfer eines Überfalls —, diskutiert im Pub lakonisch über Orwell.

Werden wir, wenn die britische Überwachungsdichte in wenigen Jahren auch bei uns erreicht ist, genauso gelangweilt mit den Schultern zucken und freundlich in die Kamera lächeln? Werden wir uns auch auf die Einführung von Kameras in unserem Viertel freuen, damit Falschparker, Ruhestörer, Hundescheißenlasser und Abfallwegwerfer endlich einen aufs Dach bekommen?

Man möchte die Menschen schütteln und ihnen den Kopf waschen. Vielleicht fallen mir irgendwann, wenn ich meine ungläubige Sprachlosigkeit überwunden habe, auch noch die passenden Worte dazu ein.
Kommentare 
Ich habe das auch gerade gesehen und fand es einen Alptraum. Habe mich gefragt, ob die Leute zusätzlich etwas ins Trinkwasser bekommen, um diese permanente Überwachung so gleichmütig zu akzeptieren oder, noch viel schlimmer, sie gut zu heißen.
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Jetzt hab ich mich extra registriert um zu schreiben: hab ich auch gesehen. Unglaublich was die in London da treiben und das auch noch ganz positiv sehen! ... aua!
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Eine Registrierung bei Blogger.de ist nie verkehrt. :)

Interessant ja auch, dass ausgerechnet diese vermutlich am besten überwachte Innenstadt Europas nichtsdestoweniger Ziel des verheerenden Bombenanschlags vom 7. Juli 2005 werden konnte. Und dass die Überwachung ebenfalls nicht verhindern konnte, dass ein unschuldiger Londonder Bürger im Zuge der folgenden Hysterie erschossen wurde, obwohl die Bilder zeigten, dass er keineswegs dick bekleidet war oder sich auffällig verhalten hätte, wie ursprünglich von der Polizei behauptet.
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Ich tue es ungern und mit tief übers Gesicht gezogener Kapuze, wenn ich Georg Danzer zitiere (immerhin von 1979): "Drum schlaf schön ein und gute Nacht/Wir werden alle überwacht."

(Edit: Mist, beim Googlen festgestellt, daß dieses Zitat schon sieben Millionen deutsche Blogs gerbacht haben. Na egal.)
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Wenn jemand fragt, ich habe Sie auch gar nicht erkannt. :)

Ein passendes Zitat kann selten falsch sein. Beim Hinterhergoogeln fällt mir übrigens auf, dass ich von Danzer außer dem Namen rein garnichts zu kennen scheine. Merkwürdig.
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Merkwürdige Koinzidenz jetzt auch. Ich fand den nie so doll, ein wenig wischi-waschi. Nun ja. Nu is er hie.
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Ja. Ich dachte heute auch: Da war wohl noch ein anderer Kapuzenträger unterwegs. ;-)
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Überwachung 2.0 sozusagen.
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Sie sagen es. Entsprechend gab es im Bericht auch Leute, die kritisch anmerkten, die britische Polizei würde nur ihre Aufgaben kostengünstig auf die Bürger abschieben. In diesem Punkt ganz ähnlich Web 2.0, wo ja auch die Benutzer alles richten sollen.
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Klingt für mich nach Stasi 3.0, der konsequenten Fortsetzung dessen, was unser Innenminister lieber gestern als morgen über dem Land auskübeln würde. Millimeter für Millimeter verlieren wir mehr und mehr unserer Bürgerrechte. Es leben Blockwarttum und Denunziation.

Und mit seiner konsequenten VerblödungsBildungspolitik sorgt der Staat munter weiter dafür, dass eine Mehrheit der Bürger es noch nichteinmal merkt bzw. kapiert. Orwell ist realer als je zuvor. Leider.
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Ich ertrage Herrn S. ja auch nicht mehr, wie er heute schon wieder mit verbissener Stimme die Online-Durchsuchung als lebensnotwendig! bezeichnete, weil ja die nächsten Terroranschläge schon beschlossene Sache seien.

Ich weiß nicht, ob man unbedingt die Bildungspolitik heranziehen kann. Ich habe eher das Gefühl, in den letzten zwanzig Jahren sind auch so schon Sicherheitsbedürfnis und Unselbständigkeit quer durch die Bevölkerung in einem Maße gewachsen, dass jetzt mit all den Maßnahmen hauptsächlich offene Türen eingerannt werden. Ganze Berufsgruppen leben inzwischen mit einem Bein im Gefängnis, weil alles und jeder verantwortlich gemacht und verklagt wird. Es darf keine Fehler mehr geben, jedes Lebensrisiko muss eliminiert werden, Kinder werden rund um die Uhr von Erwachsenen begleitet und überwacht... In diesem Licht haben wir vermutlich sogar die Politik, die wir verdienen.
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Offenbar hat unser angehender bayerischer Ministerpräsident ja jetzt dem Bundesschäuble ein Stöckchen in die Speichen geworfen und die aktuell inszenierte Terrorwarnung als Panikmache bezeichnet. Ausgerechnet. Was hat der Mann vor? Beginnt hier die schleichende Distanzierung vom terrorbesessenen Parteifreund? Man wundert sich.
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